Nein, jedenfalls nicht so, wie es der Satz nahelegt. Die moderne Physik kennt tatsächlich kein universelles Jetzt, das für das ganze Universum gleichzeitig gilt. Daraus folgt aber nicht, dass die Zeit gar nicht existiert. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sind eine menschliche Einteilung. Die Zeit selbst bleibt messbar real.

Die berühmte Behauptung: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Illusion

Wenige Sätze über die Zeit werden so oft zitiert wie dieser eine von Albert Einstein. Im März 1955, wenige Wochen vor seinem eigenen Tod, schrieb er der Familie seines gerade verstorbenen Jugendfreundes einen Trostbrief. Darin heißt es sinngemäß, für den gläubigen Physiker sei die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige.

Der Satz klingt nach großer Weltabgewandtheit, und er wird gern so gelesen, als habe der berühmteste Physiker der Welt die Zeit rundheraus für eine Einbildung erklärt. So einfach ist es nicht. Einstein sprach von der Unterscheidung in drei Zeitzonen, nicht von der Zeit selbst. Was er meinte, ergibt sich aus seiner eigenen Physik. Und die führt an einen überraschenden Punkt: Ein Jetzt, das überall im Universum zur gleichen Zeit gilt, gibt es nicht.

Warum die Physik kein Jetzt kennt: die Relativität der Gleichzeitigkeit

Im Alltag scheint die Sache klar. Es ist jetzt, und zwar überall gleichzeitig, alles andere ist Vergangenheit oder Zukunft. Genau diese Selbstverständlichkeit hat Einstein 1905 mit der Speziellen Relativitätstheorie erschüttert. Zwei Ereignisse, die für den einen Beobachter gleichzeitig geschehen, geschehen für einen anderen, der sich relativ zu ihm bewegt, nacheinander. Es gibt keinen übergeordneten Taktgeber, der ein einziges gültiges Jetzt für alle festlegt.

Ein Blick nach oben macht das greifbar. Jeder Blick in den Sternenhimmel ist ein Blick in viele Vergangenheiten zugleich, denn das Licht jedes Sterns ist unterschiedlich lange zu uns unterwegs. Streng genommen leben wir sogar im Alltag in einer leicht verzögerten Vergangenheit, das kennt jeder vom Abstand zwischen Blitz und Donner. Ein gemeinsames, absolutes Jetzt für das ganze Universum lässt sich physikalisch nicht angeben.

Das Blockuniversum: alle Momente existieren gleichberechtigt

Aus diesem Gedanken folgt eine der radikalsten Vorstellungen der Physik, der Eternalismus oder das Blockuniversum, einfach erklärt. In diesem Bild existieren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander, gleichberechtigt und gewissermaßen schon immer. Das gesamte Geschehen vom Urknall bis zum Ende der Welt liegt als vierdimensionaler Block fest.

Am anschaulichsten wird es mit einem Laib Brot. Jede Scheibe ist ein Moment, ein einzelnes Jetzt, und alle Scheiben sind gleichzeitig vorhanden. Das vertraute Gefühl, dass die Zukunft noch offen ist und erst entsteht, wäre dann eine Täuschung unseres Bewusstseins. Eng damit verbunden ist der alte Traum vom vollständig berechenbaren Kosmos, den Pierre-Simon Laplace so formulierte:

Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als direkte Folge des vorangegangenen Zustandes ansehen und als zwingende Ursache des Zustandes, der danach kommt. Zukunft und Vergangenheit lägen offen klar.

Pierre-Simon Laplace

Ob das Universum wirklich so festgelegt ist, lässt sich nicht beweisen, ebenso wenig wie das Gegenteil. Das Blockuniversum ist eine mögliche Deutung der Relativitätstheorie, keine gemessene Tatsache.

Der Beweis am Handgelenk: Zeitdilatation ist messbar

So philosophisch das klingt, ein Teil von Einsteins Zeit ist ganz handfest messbar. Die Zeit vergeht nicht überall gleich schnell. Hohe Geschwindigkeit verlangsamt Uhren, und hohe Gravitation ebenfalls. Der Autor fasst es in einem Merksatz: Hohe Relativgeschwindigkeit und hohe Gravitation bedeuten eine hohe Verlangsamung der Zeit.

1971 flogen die Physiker Joseph Hafele und Richard Keating vier Caesium-Atomuhren in Linienmaschinen einmal ostwärts und einmal westwärts um die Erde und verglichen sie danach mit der Referenzuhr des US-Marineobservatoriums. Das Ergebnis passte zu Einsteins Vorhersage. Der Effekt ist winzig, aber real. Schon zwei Atomuhren, von denen eine nur wenige Zentimeter tiefer steht, laufen messbar verschieden. Dasselbe Prinzip steckt hinter dem berühmten Zwillingsparadoxon, bei dem ein reisender Zwilling langsamer altert als der zu Hause gebliebene.

Wer glaubt, das gehe ihn nichts an, benutzt es täglich. Jedes Navigationsgerät verlässt sich auf die Atomuhren der GPS-Satelliten. Deren Signale müssen relativistisch korrigiert werden, sonst lägen alle Ortsangaben schon nach kurzer Zeit um viele Meter daneben. Ohne Einsteins Zeit fände Ihr Auto den Weg nicht.

Der Zeitpfeil: warum Entropie der Zeit eine Richtung gibt

Wenn die Zeit eine bloße Illusion wäre, warum läuft sie dann immer nur in eine Richtung? Ein zerbrochenes Glas setzt sich nicht von selbst wieder zusammen, ein Omelett wird nie wieder zum Ei. Der Astrophysiker Arthur Eddington prägte dafür 1927 das Bild vom Zeitpfeil.

Die tiefste Erklärung liefert die Thermodynamik. In einem abgeschlossenen System nimmt die Unordnung, die sogenannte Entropie, stets zu. Ein Kartenspiel, das man mischt, sortiert sich nie von selbst wieder. Diese Einbahnstraße von geordnet nach ungeordnet gibt der Zeit ihre Richtung und trennt das Vorher vom Nachher. Eine reine Einbildung würde sich kaum so beharrlich verhalten.

Die Gegenposition: was für die Realität der Zeit spricht

An dieser Stelle bezieht der Autor des Buches klar Stellung. Für ihn ist die Zeit eindeutig real, und er widmet dieser Frage in seinem Buch ein eigenes Kapitel. Sein Argument ist schlicht und stark: Überall, im Kleinsten wie im Größten, verändert sich etwas ununterbrochen, und jede Veränderung braucht Zeit. Wo Bewegung ist, ist Zeit.

Nirgends herrscht Stillstand. Die Welt ist eingebettet in Zeit und Raum und befindet sich in einem permanenten, also zeiterfordernden Prozess.

Hubertus von Puttkamer

Die überzeugendsten Zeugen sind für ihn die Spuren und Relikte der Vergangenheit, vom Fossil bis zum Familienfoto. Dass sich die Zeit nicht anfassen lässt, spricht nicht gegen ihre Existenz. Auch Magnetismus und Radiowellen nehmen wir mit den Sinnen nicht wahr und zweifeln trotzdem nicht an ihnen. Kein universelles Jetzt zu besitzen, heißt eben nicht, keine Zeit zu besitzen.

Was das für Ihr Leben bedeutet, und was nicht

Was bleibt also von der berühmten Illusion? Zunächst eine ehrliche Antwort: Die Physik hat unser naives Bild von der Zeit erschüttert, aber sie nicht abgeschafft. Das universelle Jetzt ist eine Konstruktion, die Dreiteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist unsere menschliche Ordnung. Die Zeit selbst vergeht, messbar und unaufhaltsam.

Daraus folgt kein esoterischer Freibrief. Einsteins Satz bedeutet nicht, dass Vergangenheit und Zukunft gleichgültig wären oder dass das reine Verweilen im ewigen Augenblick die Physik auf seiner Seite hätte. Die Relativität der Gleichzeitigkeit ist eine präzise überprüfbare Aussage über Uhren und Signale, kein Lebensratgeber. Wer mehr über den einzigen Moment wissen will, den wir wirklich bewohnen, findet in unserem Beitrag dazu, wie lange die Gegenwart dauert, eine handfeste Antwort. Und wer wissen will, wie wir überhaupt dazu kamen, die Zeit in Stunden und Sekunden zu zerlegen, liest, wer die Uhr erfunden hat.

Nüchtern betrachtet ist das Ergebnis beruhigend. Die Zeit ist rätselhafter, als der Alltag vermuten lässt, und zugleich realer, als das flotte Wort von der Illusion glauben macht.