Die Gegenwart, das bewusst erlebte Jetzt, dauert nach den Messungen der Hirnforschung nur etwa drei Sekunden. Der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel fand diesen Wert in ganz verschiedenen Situationen wieder. In diesem schmalen Fenster fügt Ihr Gehirn einzelne Sinnesreize zu einem zusammenhängenden Moment.

Die kurze Antwort: etwa drei Sekunden

Fragt man nach der Dauer der Gegenwart, erwartet man vielleicht eine winzige Zahl, einen Sekundenbruchteil. Tatsächlich ist das bewusst erlebte Jetzt erstaunlich lang. Die moderne Neuropsychologie beziffert dieses Gegenwartsfenster auf etwa drei Sekunden, je nach Situation zwischen zwei und sechs. In dieser Spanne fasst Ihr Gehirn einzelne Sinneseindrücke zu einem einzigen zusammenhängenden Augenblick zusammen. Alles, was länger zurückliegt, rutscht in die Erinnerung, alles, was noch aussteht, bleibt Erwartung. Das Jetzt selbst ist also kein Punkt, sondern ein kleines Zeitfeld, das unablässig mitwandert.

Wie die Hirnforschung das Jetzt vermessen hat

Dass dieser Wert immer wieder bei rund drei Sekunden liegt, hat vor allem der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel untersucht. Er stieß in ganz unterschiedlichen Bereichen auf dieselbe Größenordnung. Gesprochene Verszeilen dauern, quer durch viele Sprachen, meist etwa zwei bis drei Sekunden, bis eine natürliche Pause folgt. Ein Händedruck zur Begrüßung zieht sich ungefähr ebenso lange hin, kaum jemand hält ihn bewusst länger. Und der Blickkontakt zwischen zwei fremden Menschen fühlt sich nach etwa drei Sekunden vollständig an, danach wird er entweder vertraut oder unangenehm.

Auch die bekannten Kippfiguren gehören dazu. Betrachten Sie eine Zeichnung, die mal als Hase, mal als Ente erscheint, springt Ihre Wahrnehmung im Abstand einiger Sekunden von einer Deutung zur anderen, ganz ohne Ihr Zutun. Das Gehirn scheint in einem inneren Takt zu arbeiten, der die Welt in überschaubare Portionen gliedert.

Was das Gehirn in diesen Sekunden tut: aus Reizen wird Erleben

Warum überhaupt drei Sekunden? Weil das Gehirn Zeit braucht, um aus rohen Reizen ein Erlebnis zu machen. Es speichert unser Dasein nicht als lückenlosen Strom, sondern als Folge kurzer Episoden. Die ununterbrochen einströmenden Signale werden zu Paketen von etwa drei Sekunden gebündelt, die der Autor des Zeitbuches anschaulich Zeitpäckchen nennt. Nur wenige dieser Episoden erreichen später das Gedächtnis, und dort bleiben sie umso länger, je wichtiger der Moment war.

Genau deshalb erinnern Sie sich an Ihren letzten Geburtstag nicht als durchgehenden Film, sondern als Handvoll einzelner Szenen. Der Rest ist verklungen, kaum dass er da war. Das Jetzt ist damit weniger ein fester Ort in der Zeit als ein Arbeitsschritt des Gehirns.

Physik gegen Psychologie: warum die Gegenwart physikalisch nicht existiert

So handfest sich das Jetzt anfühlt, für die Physik ist es ein Problem. Trennt man die Zukunft, die noch nicht da ist, von der Vergangenheit, die nicht mehr da ist, bleibt für die Gegenwart nur eine Grenzlinie ohne Breite. Eine Linie der Breite null aber ist ausdehnungslos, und damit verschwindet die Gegenwart aus der Rechnung. Schon Augustinus zerlegte die Zeit vor über 1600 Jahren in genau diese drei Teile und stellte fest, dass davon eigentlich nichts übrig bleibt.

Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.

Augustinus, Confessiones

Sein Ausweg war so klug wie modern: Die Zeit finde in der Seele des Menschen statt. Vergangenheit lebe als Erinnerung, Zukunft als Erwartung, beides in einer Gegenwart des Denkens. Die heutige Hirnforschung sagt fast dasselbe, nur mit anderen Worten. Wo die Physik keine Gegenwart kennt, schafft das Gehirn sich sein eigenes Fenster. Ob die Zeit unabhängig von uns überhaupt real ist, bleibt eine offene Frage.

Warum Musik und Sprache im 3-Sekunden-Takt funktionieren

Am schönsten zeigt sich das Gegenwartsfenster beim Hören. Der Philosoph Edmund Husserl beschrieb den erlebten Moment als dreiteiliges Feld: den Ton, der gerade eben das Ohr erreicht, den soeben verklungenen Ton, der noch nachhallt, und die leise Vorahnung des nächsten. Erst dieses Ineinandergreifen macht aus einer Reihe einzelner Töne eine Melodie. Fiele der eben gehörte Ton sofort aus dem Bewusstsein, hörten Sie nur unverbundene Geräusche.

Dasselbe gilt für die Sprache. Einen langen Satz verstehen Sie nur, weil sein Anfang noch präsent ist, wenn das Ende kommt. Musik, Gespräch und Gedichtzeile passen deshalb so gut in dieses Maß, weil sie dem Takt folgen, in dem das Gehirn ohnehin arbeitet. Drei Sekunden sind gerade lang genug, um einen Sinn zu fassen, und kurz genug, um ihn nicht zu verlieren.

Das Jetzt dehnen: was Achtsamkeit aus Sicht der Zeitforschung bedeutet

Wenn die Gegenwart so kurz ist, warum fühlt sie sich manchmal so weit an? Weil ihre gefühlte Länge stark von Aufmerksamkeit und Stimmung abhängt, ganz ähnlich wie beim Urlaubsparadoxon. Ein Kind, das versunken spielt, eine Musikerin mitten im Stück, ein Mensch in tiefer Ruhe erleben ein gedehntes Jetzt, in dem die Zeit kaum zu vergehen scheint. Zerstreutes Nebenherlaufen dagegen, das Blättern durch das Handy etwa, dehnt den Moment nicht, es zerhackt ihn.

Achtsamkeit ist von hier aus betrachtet nichts Esoterisches, sondern das bewusste Verweilen in diesem schmalen Fenster. Wer wirklich hinschaut, hinhört und dabei ist, füllt seine drei Sekunden mit Gehalt, statt sie ungenutzt verstreichen zu lassen. Michael Ende hat es in seiner Erzählung „Momo" auf den Punkt gebracht.

Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen.

Michael Ende, Momo

Die Gegenwart mag physikalisch nur ein Wimpernschlag sein. Erlebt aber ist sie der einzige Ort, an dem wir je gewesen sind.