Der Tag hat 24 Stunden, weil die alten Ägypter Tag und Nacht in je zwölf Abschnitte teilten, zusammen also zweimal zwölf. Die 60 in Stunde und Minute stammt von den Babyloniern und ihrem Rechnen zur Basis 60. Beide Einteilungen haben jeden späteren Reformversuch überlebt, bis heute.

Die kurze Antwort: Ägypter und Babylonier

Auf jedem Zifferblatt stehen zwei Zahlen, die sich aus der Natur nicht ableiten lassen: die 24 des Tages und die 60 der Stunde. Eine einzige Erdumdrehung ließe sich genauso gut in 10, in 20 oder in 100 Teile zerlegen. Dass wir bei 24 und 60 gelandet sind, verdanken wir zwei sehr alten Kulturen. Die Vierundzwanzig kam von den Ägyptern, die 60 von den Babyloniern. Beide Zahlen sind Übereinkünfte, keine Naturgesetze. Ob die Zeit selbst überhaupt etwas von Stunden weiß, ist noch einmal eine ganz andere Frage, der wir in Ist Zeit eine Illusion? nachgehen.

Zweimal zwölf: wie die Ägypter den Tag am Sternenhimmel teilten

Schon um 3000 vor Christus lebten die Pharaonen in einer bis ins Detail geordneten Zeitkultur. Ihre Priester lasen die Nacht am Sternenhimmel ab: Bestimmte Sterne stiegen der Reihe nach über den Horizont, und nach ihnen zerlegten die Ägypter die Dunkelheit in zwölf Abschnitte. Den hellen Tag maßen sie am Schatten eines aufrecht stehenden Stabes, des Gnomon, der die Frage Wann? beantwortete. Auch ihn teilten sie in zwölf Teile. Nacht und Tag, zweimal zwölf, ergaben die Vierundzwanzig, die uns bis heute begleitet. Die Wurzeln dieser Zählung reichen sogar noch weiter zurück, bis in die Zeit der Sumerer. Auch die Sieben-Tage-Woche und die 60er-Teilung der Stunde benutzten die Ägypter bereits.

Das Zählen mit Fingergliedern: warum ausgerechnet 12

Warum aber zwölf und nicht die zehn, die uns unsere Finger doch so nahelegen? Die schönste Erklärung steckt ebenfalls in der Hand, nur zählt man anders. Legen Sie den Daumen nacheinander an die Glieder der vier Finger derselben Hand: Jeder Finger hat drei Glieder, macht zusammen zwölf. Mit dem Daumen als Zeiger lässt sich so bequem bis zwölf zählen, ganz ohne die zweite Hand. Die Zwölf hatte noch einen zweiten Vorzug. Sie lässt sich glatt halbieren, dritteln und vierteln, was im Handel und beim Messen von Vorräten unbezahlbar war. Reste dieser Vorliebe stecken bis heute im Dutzend, in den zwölf Monaten und in den zwölf Stunden des Zifferblatts.

Die Babylonier und die 60: das Sexagesimalsystem

Die zweite Zahl unseres Zeitmaßes, die 60, verdanken wir den Rechnern Babylons. Ihre Mathematik, die um 2000 vor Christus entstand, arbeitete nicht mit Zehnern, sondern mit Sechzigern, im sogenannten Sexagesimalsystem. Das klingt umständlich, ist aber raffiniert. Die 60 besitzt zehn Teiler, nämlich 2, 3, 4, 5, 6, 10, 12, 15, 20 und 30, und lässt sich dadurch mühelos in halbe, drittel, viertel, fünftel und sechstel Portionen zerlegen. Für Astronomen und für Kaufleute war das ein Segen.

Auch die 60 lässt sich mit der Hand greifen. Zählt man mit dem Daumen die zwölf Fingerglieder der einen Hand und merkt sich jede volle Runde mit einem Finger der anderen, kommt man mit fünf mal zwölf genau auf 60. So erklärt sich, warum eine Stunde 60 Minuten und eine Minute 60 Sekunden hat. Die Namen verraten den Ursprung: Die Minute ist die pars minuta prima, der erste verkleinerte Teil der Stunde, die Sekunde die pars minuta secunda, der zweite. Schwarz auf weiß fassbar wird die Sekunde zum ersten Mal um 1270, in den Alfonsinischen Tafeln spanischer Hofastronomen.

Temporalstunden: als Stunden im Winter kürzer waren als im Sommer

Eine Kuriosität hielt sich dabei sehr lange: Die Stunde war nicht immer gleich lang. Weil man Tag und Nacht getrennt in je zwölf Stunden teilte, mussten sich diese Stunden mit den Jahreszeiten dehnen und stauchen. Im Hochsommer, wenn der Tag lang und die Nacht kurz ist, war eine Tagesstunde deutlich länger als eine Nachtstunde, im Winter kehrte sich das Verhältnis um. Diese ungleichen Stunden nennt man Temporalstunden, und die Menschen lebten jahrtausendelang gut mit ihnen.

Die gleich lange Stunde, die genau ein Vierundzwanzigstel des ganzen Tag-Nacht-Zyklus misst, war den babylonischen Astronomen zwar längst bekannt, blieb aber der Sternkunde vorbehalten. Erst ein technisches Gerät setzte sie im Alltag durch: die mechanische Räderuhr, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts auftauchte. Wer sie erfunden hat, lesen Sie in Wer hat die Uhr erfunden?. Ein Räderwerk kennt keine Jahreszeiten, es tickt gleichmäßig weiter. Mit ihm wurde die immer gleiche Stunde zur Selbstverständlichkeit.

Alles messen, was messbar ist, und alles messbar machen, was es noch nicht ist.
Galileo Galilei

Warum wir nicht auf Dezimalzeit umgestellt haben

Bleibt eine naheliegende Frage: Wenn 24 und 60 bloß Übereinkünfte sind, warum stellen wir dann nicht auf ein handliches Zehnersystem um? Genau das haben die französischen Revolutionäre versucht. Im Jahr 1793 führten sie neben Meter und Kilogramm auch eine Dezimalzeit ein. Der Tag sollte zehn Stunden haben, die Stunde 100 Minuten, die Minute 100 Sekunden, dazu ein Kalender mit Zehn-Tage-Wochen. Auf dem Papier war das bestechend logisch.

In der Praxis scheiterte es kläglich. Die Menschen hatten ihre alten Uhren, ihre Gewohnheiten und ihr Bauchgefühl für die Zwölf, und niemand wollte das aufgeben. Nach wenigen Jahren war die Dezimalzeit wieder verschwunden. Das metrische System setzte sich bei Längen und Gewichten überall durch, an der Zeit aber biss es sich die Zähne aus. Die alten Zahlen der Ägypter und Babylonier saßen einfach zu tief. Wie hartnäckig solche Zeitgewohnheiten sind, führt das Buch zum Zeitphänomen an vielen Beispielen vor.

Häufige Fragen

Warum hat die Minute 60 Sekunden?

Aus demselben Grund wie die Stunde ihre 60 Minuten. Die Babylonier teilten Größen konsequent im 60er-System. Man zerlegte die Stunde zuerst in 60 gleiche Teile, die pars minuta prima oder Minute, und dann jede Minute noch einmal in 60 Teile, die pars minuta secunda oder Sekunde. Zwei Stufen desselben Systems, daher zweimal die 60.

Warum nicht 10 Stunden pro Tag?

Weil die Zwölfer- und Vierundzwanziger-Teilung aus Ägypten und die 60 aus Babylon schon Jahrtausende alt waren, bevor jemand an eine Dezimalzeit dachte. Die Zwölf hat außerdem einen praktischen Vorteil: Sie lässt sich durch 2, 3, 4 und 6 teilen, die Zehn nur durch 2 und 5. Der französische Versuch mit dem Zehn-Stunden-Tag im Jahr 1793 verschwand nach kurzer Zeit wieder, weil die Gewohnheit stärker war als die Logik.